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Feldjäger zwischen Bonn und Kunduz
Das Feldjägerwesen der Bundeswehr meistert seit Beginn der Auslandseinsätze der Bundeswehr eine doppelte Herausforderung: Neben dem Inlandsauftrag sind Feldjäger in nahezu allen Einsätzen der Bundeswehr unverzichtbarer Teil des deutschen Fähigkeitspakets in einem multinationalen Kontext. Auch in künftigen Einsatzszenarien werden Feldjäger immer zu berücksichtigen sein. Dabei ist nicht auszuschließen, dass - wie in der Vergangenheit mehrfach geschehen - aufgrund des spezifischen Einsatzszenarios und der konkreten Aufgaben der Bundeswehr angepasste bzw. weiterentwickelte Fähigkeiten der Feldjäger eingefordert werden. Die Entwicklung von Somalia über Kosovo und Afghanistan bis zum Horn von Afrika spricht für sich.
Diese doppelte Herausforderung zu bewältigen, ist die Kernleistung unserer Feldjägerbataillone und entscheidende Führungsherausforderung für die Kommandeure. Vor diesem Hintergrund möchte ich auf einige aktuelle Herausforderungen näher eingehen.
Zentrum der Führungsaufgabe des Kommandeurs ist die Bereitstellung der geforderten Kräfte in der entsprechenden Ausbildungshöhe und mit den notwendigen Spezialisierungen auf der Basis des Kontingentsystems Feldjägerwesen für die Einsatzverpflichtungen. Das eigene Kontingentsystem hat sich aus meiner Sicht - das möchte ich an dieser Stelle einmal deutlich hervorheben - bewährt und wird auch von unseren truppendienstlichen Vorgesetzten anerkannt.
Gemäß den Verpflichtungen des Kontingentsystems sind die Soldatinnen und Soldaten frühzeitig zu identifizieren. Hier sind neben Berücksichtigung der truppendienstlichen und fachlichen Vorgaben auch die Aspekte Erfahrung, Stehzeit im Inland nach einem abgeschlossenen Einsatz, Freiwilligkeit und gleichmäßige Belastung der einzelnen Kompanien des Verbandes von Bedeutung. Eine Einsatzverpflichtung selbst für ein dreiköpfiges Team für die Operation ATALANTA ist immer eine Bataillonsverantwortung, denn sie hat immer Rückwirkungen auf die Personallage und die Reaktionsfähigkeit der Kompanien für den Inlandsdienst.
Wesentliches Kriterium bei der Auswahl ist für mich als Kommandeur die jeweilige Spezialisierung der Soldatin oder des Soldaten. Luftsicherheit, Personenschutz sowie Erhebungen und Ermittlungen sind derzeit die am meisten geforderten Spezialisierungen. Daher gilt es, Feldjäger mit diesen Spezialisierungen auch nur auf entsprechende Dienstposten in der Stellenbesetzungsliste einzuplanen. Beim Grundsatz, jeder Feldjäger hat zwei Spezialisierungen, ist dies ebenfalls zu berücksichtigen, um konkurrierende Spezialisierungen zu vermeiden. Dies ist aber insgesamt nur begrenzt plan- und steuerbar, weil die Spezialisierungen unserer Feldjäger in der Vergangenheit unterschiedlich Konjunktur hatten und auch künftig immer abhängig von Lage und konkretem Fähigkeitsbedarf im Szenar sein werden.
Die herausragende Besonderheit, das Markenzeichen - aber eben zugleich auch Bürde - unserer Feldjägertruppe ist der permanente Spagat zwischen der hundertprozentigen Erfüllung unserer Einsatzverpflichtungen im Ausland und unserer Feldjägerdienstleistungen im Inland. Dies unterscheidet uns in ganz besonderem Maße von den Truppengattungen des Heeres, denn diese doppelte Herausforderung kennt das Heer nicht.
Das deutsche Heer bewegt sich in seinem eigenen Einsatzrhythmus und erlaubt den drei Kerndivisionen (1., 10. und 13.) für die Einsätze einen Planungshorizont von einem Jahr Einsatzvorbereitung, Einsatz und Einsatznachbereitung sowie dann zwei Jahren ohne eine solche Verpflichtung. Das Heer setzt diesen Einsatzrhythmus nun seit mehr als zwei Jahren um und scheint damit auch auf einem guten Weg zu sein.
Ein Kampftruppenbataillon kann eine Kompanie komplett in den Einsatz verlegen und schließt am Heimatstandort notfalls für die Einsatzdauer die Kaserne ab. Dies ist im Bereich der Feldjägerbataillone und -kompanien ausgeschlossen, denn das Feldjägerdienstkommando kann der Kompaniechef nicht so einfach dichtmachen. Das Feldjägerdienstkommando ist rund um die Uhr - also auch in der Nacht und an allen dienstfreien Tagen - ansprechbar und reaktionsfähig. Darüber hinaus stellen die Feldjäger mit ihrer permanenten Präsenz in der Fläche einen einmaligen Sensor für die Bundeswehr dar.
Dieser dargestellte, fundamentale Unterschied zu anderen Truppengattungen und Aufgabenbereichen, ist noch nicht überall - selbst innerhalb des Feldjägerwesens - hinreichend bewusst. Nicht zu vernachlässigen sind auch Verpflichtungen, die sich durch die truppendienstlichen Ebenen ergeben und zusätzlich - meist außerhalb des spezifischen Fähigkeitsspektrums Feldjäger - geschultert werden müssen.
Schließlich erfordert der Feldjägerdienst selbst ein sehr hohes Maß an Flexibilität. Einsatzanforderungen gerade im Inland entstehen oft kurzfristig, werden erst spät quantitativ und qualitativ konkretisiert und beanspruchen die Leistungsfähigkeit unserer Offiziere und Portepeeunteroffiziere enorm - nicht nur zeitlich. Dies wird abgerundet durch eine umfangreiche Ausbildung als Feldjäger und als Spezialist. In diesem Rahmen bewegt sich heute der Kommandeur des Feldjägerbataillons, der ganz wesentlich Disponent der ihm anvertrauten Frauen und Männer ist.
Die Zahl der zur Verfügung stehenden, ausgebildeten Feldjäger ist klar vorgegeben und wird sich auch nach Vorliegen der Empfehlungen der Strukturkommission und der Umsetzung der Sparbemühungen im Verteidigungshaushalt mit Sicherheit nicht erhöhen.
Intern kann der Kommandeur durch verschiedene Maßnahmen begrenzt steuern und optimieren. Der hohe Grad an Spezialisierung erfordert eine umfangreiche Ausbildung und den damit einhergehenden Erfahrungsaufbau in der Praxis. Spezialisten wie Eskortenspitzenfahrer, Führer im Personenschutz oder Präzisionsschütze durchlaufen eine sehr zeitintensive Ausbildung. Ist die Expertise endlich aufgebaut, geht der Zeitsoldat in den BFD und scheidet aus. Hier wäre es aus meiner Sicht wünschenswert, die Verpflichtungszeiten flexibler zu gestalten und auch eine (nachträgliche) Verpflichtung von Feldjägerfeldwebeln zum SaZ 15 oder 20 stärker in Betracht zu ziehen. So könnten Erfahrung und Fachwissen gehalten werden.
Bei den Spezialisierungen muss das Ausbildungsangebot mit den Einsatzanforderungen einhergehen. Spezialisierungen haben Konjunkturen, wie wir seit mehr als 15 Jahren sehen. Hier ist die "atmende" Schule in den Fokus zu rücken, um kurzfristig entstehende oder wechselnde Bedarfe auch rasch decken zu können. Dazu muss die Schule auch organisatorisch in die Lage versetzt werden, sich auf solche Anforderungen personell und materiell kurzfristig einstellen zu können. Hörsaalleiterbedarfsberechnungen sind da nur das zweitbeste Instrument. Ebenso fehlen kurzfristige Personalabstellungen an die Schule dann wieder in der Truppe, so dass die gleiche Anzahl an Aufgaben auf weniger Schultern verteilt werden muss.
Feldjäger stehen aufgrund ihres Aufgabenfeldes und ihrer Vorgesetzteneigenschaften im Aufgabenbereich immer im Mittelpunkt und werden von allen anderen kritisch betrachtet. Als diejenigen, welche die militärische Ordnung und Disziplin überwachen, wird von ihnen selbstverständlich mustergültiges Auftreten eingefordert. Dies leisten unsere Feldjäger auch. Ein Fehlverhalten, das es auch bei Feldjägern geben kann, denn auch wir sind nur Menschen, wird dann gern zum Anlass genommen, verallgemeinernd auf "die Feldjäger" zu zeigen, die sich nicht an die Regeln halten.
Es gibt keine Gleichheit im Unrecht, Feldjäger müssen und können eine solche Kritik aushalten. Ihre Leistungsfähigkeit, gerade in den Auslandseinsätzen, ist im höchsten Maße durch alle Organisationsbereiche und auch darüber hinaus anerkannt. Feldjäger stehen vorn: Wer vorn ist, weckt eben manchmal auch den Neid derjenigen, die nach vorn wollen.
Davon sollten wir uns jedoch nicht einschüchtern lassen, sondern weiterhin selbstbewusst und mit Augenmaß unsere Aufgaben wahrnehmen, und dabei noch mehr als bisher deutlich machen, dass wir neben den Einsätzen im Ausland auch im Inland regelmäßig gefordert sind und für alle Bereiche der Bundeswehr das Instrument der ständigen Reaktionsfähigkeit in der Fläche darstellen.
Dann können wir auch noch mehr Verständnis für die persönliche Belastung unserer Feldjägeroffiziere und -feldwebel gewinnen.
OTL Wegener
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